Sonntag, 10. Januar 2016

Monsun



Wolken jagen über den Himmel hinweg. Sie sind grau und machtvoll. Der Wind treibt sie hinweg, als wolle er sie verjagen. Doch es kommen immer neue Wolken hinterher. Sie verändern ihre Form, vereinigen sich, werden gemeinsam größer. Doch ihre Last entladen sie nicht. Der Blick schweift über die Landschaft, sanfte Berge am Horizont, davor nur karges Land mit trockener, rotbrauner Erde. Ein paar trockene Bäume stehen umher, und die Monotonie der Erde wird durchbrochen von einigen Büschen, die der Hitze trotzen.
Die Luft steht unter Spannung. Es ist heiß, die Haut sehnt sich nach Abkühlung, doch der Geist erschreckt vor der ungeheuren Macht der Gewitterwolken, die sich nicht entscheiden können. Ab und an fallen ein paar Tropfen und es scheint, als ginge es jetzt los. Doch noch ehe die auf den Boden gefallenen Wasserlinge verdunsten könnten, ziehen sich ihre Geschwister zurück.

Trotz des Windes in der Höhe herrscht atemlose Stille. Gebete, nur im Innern gesprochen, schrauben sich empor, sollen den Geist des Regens animieren, sich hier auf dieses Erdenstück herab zu lassen und dem trockenen Boden wieder Leben einzuhauchen. Gedanken schweifen zurück an die alte Zeit. Auch sie war nicht immer leicht, doch es gab nicht so lange trockene Zyklen wie in den letzten Jahren. Müssen die Menschen bald ihre Heimat verlassen? Dem Wasser folgen, dorthin, wo es noch zu bekommen ist? Aufgeben, was sie seit Generationen bestellt haben, wo die Ahnen zur Welt gekommen sind, und wo ihre Gebeine in der trockenen Erde verweilen und auf ihre Nachgeborenen warten, um sie wieder in die Arme schließen zu können?
Vielleicht wird es ja doch wieder besser. Vielleicht kommt der Regen ja doch wieder hierher auf dieses gesegnete Land. Zumindest war es das einmal. Ist es jetzt verdammt? Niemand weiß es. Auch nicht, warum der Regen nicht mehr herkommen mag. Warum er es vorzieht, vorbeizuziehen, andere Länder und Menschen zu beglücken.
Hoffnung und Unsicherheit beherrschen die Gedanken. Fragen nach dem Wohin, Fragen nach dem Zeitpunkt der Hoffnungslosigkeit und der damit verbundenen Entscheidung. Es gibt keine Gespräche mehr, was soll man schon besprechen? Lähmung macht sich breit. Sprachlosigkeit.
Die Tage verschwinden im Nichts, geprägt von der möglichen Sinnlosigkeit des Tuns. Nachts wirre Träume von verdursteten Tieren, weinenden Kindern und gebrochenen Augen der anderen. Die Entscheidung fällt dann einfach so. Es ist Zeit zu gehen. Nur zwei Tage noch, um alles zu packen und sich zu verabschieden von denen, die noch ausharren werden. Die Gedanken werden ruhiger, die Zweifel verschwinden, neue Hoffnung keimt auf.
In der Nacht bricht der Regen herab. Donnernd und tosend entlädt sich der Himmel, gibt, was er zu geben hat. Rauschend wäscht er den Staub von den Blättern, den Häusern, bringt den  Boden erst zum Stauben, bevor das Wasser ihn nach und nach zu einem glitschigen Morast verwandelt. Der Monsun ist da. Kein Grund mehr  zu gehen. Zumindest dieses Jahr....


*Inspiriert von einer Dokumentation über den Monsun in Indien*