Samstag, 25. November 2017

Multikulti

Er hört
australischen Space-Rock

Sie hört
keltisch-arabische Songs

Gott segne
die Kopfhörer!

Montag, 2. Oktober 2017

Es gibt keine Geheimnisse



Es gibt keine Geheimnisse, wie man das Leben am besten anpackt. Es gibt keine Erfolgstipps, wie einem alles gelingt. Das Leben lebt sich Schritt für Schritt. Es gibt viele Schritte, große, kleine, normale, vorsichtige, mutige, spielerische, langweilige Schritte, die einen voran bringen. 

Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Manche Wegstrecken sind leicht zu gehen, in netter Gesellschaft bei heiterem Sonnenschein. Andere Strecken sind anstrengend, gefährlich oder einfach nur langweilig. Manchmal wird man überrascht von einer schönen Aussicht, einem ruhigen Ort zum Ausruhen oder einem kleinen Schmetterlinge, der vor einem auf dem Weg entlang flattert. Manchmal kann man sich Zeit lassen, ausruhen und den Tag genießen, manchmal muss man einfach durchhalten, um die nächste Hütte zu erreichen, die einen vor  Wind und Regen schützt.
Es sind nicht die großen spektakulären Sprünge, die einen dauerhaft voran bringen, sondern die vielen unzähligen kleinen Schritte, die man in seinem Leben geht. Einen  nach dem anderen, unbeirrt nach dem passenden Weg suchend. Rastend, wenn es ansteht, kämpfend, wenn es sein muss, genießend, wenn alles stimmig ist.
Manchmal bekommt man einen guten Tipp, lernt von anderen etwas neues, was einem weiterhilft. Doch zuallerletzt muss jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen und seine eigenen Lösungen finden. Und die können auch darin bestehen, anzuerkennen, dass man den Weg nicht schneller gehen kann oder dass es einfach nicht weitergeht und man einen neuen Weg finden muss. Wir können den Weg nicht durchplanen, wir können nicht alles kontrollieren, aber wir können lernen aus unserem Weg und dem, was wir nicht kontrollieren können, das Beste zu machen.

Donnerstag, 14. September 2017

Dienstag, 12. September 2017

Die Schnecke

Langsam ist sie
Ihre Bewegungen kaum zu sehen
Ihre Fühler streckt sie weit hinaus
Um zu spüren, was vor ihr ist.

Wenn sie erschrickt
Zieht sie sich zurück
Und wartet bis die Gefahr vorüber ist.

Doch dann wagt sie sich wieder
Hinaus in die Welt
Und kriecht einen Grashalm empor,
Um dort oben, leicht schaukelnd in Wind
Die Wärme der Sonne zu genießen

Dienstag, 27. Juni 2017

Die strenge Gouvernante

Sie kommt unangekündigt
sorgt für Zucht und Ordnung
ist rigide und autoritär.

Sie macht Angst vor Fehlern
stellt hohe Ansprüche
und erstickt die Lebenslust.

Man kann sie nicht ignorieren.
Weder vertreiben
noch bekämpfen.

Aber weich werden lassen
Mit ganz viel Wärme, Nähe
und der eigenen Verletzlichkeit.

Mittwoch, 14. Juni 2017

Kein Verkehr

Unter dem Scheibenwischer
eines am Bordstein geparkten Autos
klemmt eine Plastikhülle
Darin ein Kondom
und eine handschriftliche Notiz:

Wer so parkt wie Sie
sollte sich nicht vermehren!

Der​ zweite Brief

Jeden Tag
ungeduldig
in den Briefkasten schauen

Die Postbotin
nach einem Brief fragen
wenn man ihr begegnet

Jeden Tag
neu hoffen
und nichts bekommen.

Bis er dann endlich da ist
handgeschrieben
liegt er im Briefkasten

Ihn dann noch liegen lassen
mit dem Hund eine Runde drehen
zu Mittag essen

Ihn feierlich mit dem
Brieföffner aufschlitzen
und den Brief vorsichtig herauszuholen
weil er am Umschlag klebt

ihn lesen
und wieder lesen
und ausatmen

Und dann ruhen lassen
bis die Worte so tief gesackt sind
dass die Antwort sanft von allein aufsteigt

Und dann, irgendwann,
meinen zweiten Brief
auf seine Reise schicken.

Dienstag, 13. Juni 2017

Genug

Genug gearbeitet
Genug gekämpft
Genug bewegt

Jetzt einfach mal entspannen
Den Dingen ihren Lauf lassen
Und Vertrauen üben.

Gar nicht so einfach.
Aber genau richtig.

Dienstag, 6. Juni 2017

Donnerstag, 1. Juni 2017

Von wegen unpolitisch

Zwei Jungs und ein Mädchen
vielleicht zehn Jahre alt
krabbeln auf allen Vieren
auf einem Bürgersteig
in Friedrichshain

Und brüllen dabei:

Wir protestieren
auf allen Vieren
Denn wir wissen
Schule ist beschissen!

Von wegen unpolitische Jugend...

Montag, 29. Mai 2017

Ohne Worte

Im Supermarkt
am Flaschenautomat
lässt mich eine ältere Dame
leicht gebückt,
gepflegtes Aussehen
wortlos vor.

Ich bedanke mich und
werfe meine Flaschen ein.
Und genau so wortlos
versucht sie meinen Rock
vermutlich weil er ihr zu hoch sitzt
einfach herunter zu zuppeln.

Da fehlen mir die Worte.


Dienstag, 23. Mai 2017

Aussteigen




Es war schon ihre dritte Runde. Gerade tauchte die Station Westhafen in ihrem Blickfeld auf. Die Bahn wurde langsamer, hielt und mit einem Zischen öffneten sich die Türen. Sie saß immer noch am Fenster, und beobachtete die Menschen, wie sie in die S-Bahn einstiegen, ausstiegen oder auf den Bahnsteigen herum standen. Alle waren auf dem Weg irgendwohin. Auch sie war bisher immer auf dem Weg irgendwohin gewesen, wenn sie mit der Bahn unterwegs war. Sie erinnerte sich, dass sie manches Mal, wenn sie im Zug auf Reisen war, sich gewünscht hatte, einfach weiterzufahren, nie mehr auszusteigen und ohne Ziel und ohne Halt einfach nur zu fahren und die Welt an sich vorbeiziehen zu lassen. Doch immer war sie ausgestiegen, weil es etwas zu tun gab, weil irgendjemand etwas von ihr wollte.

Sie war den Vorschlägen ihrer Eltern gefolgt und hatte eine kaufmännische Ausbildung in einem metallverarbeitenden Betrieb gemacht und war sogar direkt übernommen worden, weil sie zuverlässig ihre Arbeit erledigte. Das Ende ihrer Ausbildung war einige Jahre her und sie saß immer noch, mit dem Rücken zum Fenster, an ihrem Schreibtisch. Darauf stand ein einsamer Kaktus, der kaum gewachsen war, seitdem ein Kollege ihn ihr geschenkt hatte, weil er ihn selbst nicht mehr haben wollte.
Die Station Messe-West tauchte auf, sie konnte einen Teil des tristen, grauen Messegebäudes sehen, das wie ein monströser Klotz an einer viel befahrenen Kreuzung hockte und wenn sie den Kopf nach rechts drehte, konnte sie den Stau auf der Stadtautobahn beobachten. Der Zug hielt, einige stiegen ein, andere aus, und dann ging es wieder weiter.
Diesen Teil der Stadt kannte sie kaum. Sie war im Ostteil von Berlin aufgewachsen, und hatte aus der Zeit auch noch einige Freunde behalten, die ebenfalls in Berlin geblieben waren. Mit den anderen, die weg gezogen waren, hatte sie keinen Kontakt mehr. Sie selbst hätte gar nicht gewusst, wo sie hätte hingehen sollen und so hatte sie ihre Heimatstadt nie verlassen. Sie mochte Berlin, blieb aber meistens in ihrem Kiez, ging ihrer Arbeit nach und wenn sie nach Hause kam, kochte sie sich etwas, putzte ein wenig und las Romane oder ging ab und an mit Freunden ins Kino. Die Tage unterschieden sich kaum voneinander.
Doch heute war alles anders gekommen. Wie üblich hatte sie in einem Fantasy-Roman gelesen, um sich auf der langen Fahrt nicht zu langweilen. Und sie war so vertieft in die Geschichte der Hauptfigur Gwyneth, die auf ihrer Suche nach einem Heilstein viele Herausforderungen zu meistern hatte, dass sie ihre Bahnstation quasi überlesen hatte. Erst hatte sie sich über ihre Verträumtheit geärgert und ungeduldig auf die nächste Haltestelle gewartet. Doch als die nächste Station sich näherte, war sie sitzen geblieben. Und auch an der übernächsten war sie nicht ausgestiegen. Sie wusste selbst nicht, was sie dazu bewogen hatte, nicht einfach zurück zu fahren. Nicht wie immer an der gleichen Bahnstation auszusteigen, die Treppen herunter zugehen, die Straße zu überqueren und in den unpersönlichen Neubau ihrer Firma zu gehen und sich an ihren Schreibtisch zu setzen. Und doch war sie einfach sitzen geblieben. Eine Station kam und ging nach der anderen und sie, sie rührte sich einfach nicht vom Fleck und blickte aus dem Fenster, unbeeindruckt von all den anderen Fahrgästen, die neben ihr Platz nahmen und ihn später wieder freimachten. 

Die Sonne, die am Anfang des Tages noch milde geschienen hatte, hatte mittlerweile mehr Kraft gewonnen und es wurde wärmer in der Bahn. Sie zog ihre braune Jeans-Jacke aus und legte sie neben sich. Und schaute wieder aus dem Fenster. Straße um Straße, Kiez um Kiez zog an ihrem Fenster vorbei und sie fragte sich, ob sie bei der Arbeit wohl jemand vermissen würde? Machte es überhaupt einen Unterschied, ob sie da war oder nicht? Hier in der Bahn gab es niemanden, der sie wahrgenommen hatte. Bei der Arbeit würden sie sich sicherlich Gedanken machen, das war noch nie vorgekommen, dass sie einfach nicht erschien und sich nicht abmeldete. Doch das war ihr heute egal. Es war ihr sogar komplett egal, stellte sie mit Erstaunen fest. Ja, eigentlich hatte sie überhaupt keine Lust, dort jemals wieder hinzugehen. Sie atmete tief aus. Sie spürte, wie ihr Körper weiter wurde und weicher.

Was würde passieren, wenn sie alles hinter sich ließe? Würden ihre Freunde sie vermissen? Würde sie ihre Freunde vermissen? Sie wusste es nicht. Doch wenn sie ehrlich zu sich war, war klar, dass sie ihr nicht wirklich wichtig waren. Sie bekam ein wenig Angst, was war nur los mit ihr, dass sie auf einmal alles in Frage stellte? All das, was ihre Tage bisher gefüllt hatte, verlor mit jeder Runde mehr an Wichtigkeit, verkam zu einer alten Erinnerung und machte Platz für eine Leere in ihr, die ihr fremd war.

Sie kam wieder an dem alten Flughafen Tempelhof vorbei, der zu einem großen Feld voller Freiheit und unzähliger Möglichkeiten umgestaltet worden war. Menschen gingen dort mit Hunden spazieren, Radfahrer fuhren die Asphaltwege entlang, auf denen früher die Flugzeuge gestartet waren, um in die weite Welt zu fliegen. Sie selbst war noch nie geflogen, zog es vor, still im Zug zu sitzen und die Landschaften an sich vorbeiziehen zu lassen. Doch als sie in diesem Moment auf das ehemalige Flughafengebäude sah, spürte sie ein leises Ziehen im Bauch. Wie es wohl wäre, einfach irgendwohin zu fahren und ganz neu anzufangen? In einer anderen Stadt, oder gar in einem anderen Land, wo sie niemanden kannte? Und wo niemand Erwartungen an sie hätte? Wer würde sie werden können, wenn sie ihre Geschichte neu schreiben könnte?

Einige Stationen später taucht die Haltestelle Sonnenallee auf. Mitten in Neukölln, einem bunten, lebhaften Kiez, der geprägt ist von Menschen, von denen die meisten nicht viel Geld haben. An dieser Haltestelle betritt ein junger Mann mit langen Haaren, Bart und Rucksack den Zug und fängt an, die Fahrgäste zu begrüßen, schon während der Zug wieder Fahrt aufnimmt. Wie immer, wenn Bettler die Bahn betreten, wendet sie sich ab und schaut nach draußen um zu vermeiden, dass sie angesprochen wird. Auf einmal hört sie, dass das keine der üblichen Bitten um eine kleine Spende für eine Unterkunft oder etwas zu essen ist, sondern dass dieser Mann eine besondere Geschichte hat. Mit einem englischen Akzent erzählt er, dass er seit Jahren schon die Welt bereist. Und jetzt Geld sammelt, um nun nach Hause zu seiner Freundin zu fliegen. Er will si e heiraten, denn sie sei nach Jahren des Wartens nun langsam etwas ungeduldig, fügt er mit einem Lächeln hinzu. Sie spürt wieder ein Ziehen im Magen und in ihren Beinen kribbelt es auf einmal. Sie wirft einen kurzen Blick zu ihm hinüber, schaut wieder weg, durch das Fenster hinaus. Am Himmel sieht sie ein Flugzeug entlanggleiten. Ihr Herz schlägt schneller: Jetzt oder nie, denkt sie sich, greift ihre Jacke, steht auf und verlässt die Bahn, bevor die Türen sich mit einem lauten Zischen wieder schließen.

Draußen weht ein leichter Wind um ihre Nase, türkische Jugendliche hören mit ihrem Handy laute orientalische Musik, zwei ältere Damen unterhalten sich über einen Film „schultze gets the blues“, den sie am Abend vorher im Kino angeschaut haben. Fahrgäste eilen die Treppen herunter, und nach einem Blick auf die Uhr folgt sie ihnen, denn ihr Magen hat vernehmlich geknurrt. Sie geht die Treppen hinunter, und läuft dann einfach die Straße entlang. Viele Altbauten sind dort an der Sonnenallee, die meisten sind grau und wurden schon lange nicht mehr renoviert. Auf der vierspurigen Straße, die in der Mitte von einem hochbewachsenen Grasstreifen geteilt wird, fahren viele Autos entlang. Auf den Bürgersteigen drängeln sich die Menschen, vorbei an Falafel-Imbissbuden, Handygeschäften, Kiosken und Ein-Euro-Shops. 

Sie lässt sich treiben, ohne zu wissen, wohin sie eigentlich geht. Aus einer Tür riecht es auf einmal nach frischem Brot und sie geht hinein, um ihren Hunger zu stillen. Drinnen kann sie sich kaum entscheiden, weil die Auswahl so groß ist, doch dann zeigt sie mit dem Finger einfach auf irgendwelche kleinen Gebäckteilchen und nimmt gleich drei Stück davon mit. Vor der Bäckerei bleibt sie stehen und greift in die Tüte hinein und holt das erste heraus. Es trieft vor Honig, der im Sonnenlicht fast zu strahlen scheint, und sie beißt genüsslich hinein. Spürt, wie der Blätterteig leise knisternd zerbricht, bevor ihre Zähne die darin enthaltenen Nusssplitter zerkleinern und der süss-nussige Geschmack sich auf ihrer Zunge verbreitet. Der Honig läuft ihr am Zeigefinger entlang und bei dem Versuch, sich einen Krümel auf dem Mundwinkel zu wischen, verschmiert sie sich auch noch etwas Honig im Gesicht. Jetzt ist ihr alles egal, sie greift beherzt in die Tüte und verschlingt die beiden restlichen Teilchen nacheinander, ohne darauf zu achten, wohin der Honig fließt. Sie wischt sich die noch vorhandenen Krümel aus dem Gesicht und geht zurück in die Bäckerei. „Könnten Sie mir vielleicht eine feuchte Serviette geben, ich habe etwas gekleckert“ lächelt sie den Verkäufer mit dem runden Bauch und dem grau-schwarzen Bartstoppeln an. Er lächelt zurück, geht an ein Waschbecken, befeuchtet ein Tuch und reicht es ihr über den Tresen. Sie wischt sich mit dem kühlen Lappen über ihr Gesicht und entfernt die klebrigen Reste des köstlichen Gebäcks.
Mit einem „Danke“ geht sie wieder hinaus auf den Bürgersteig. Dort setzt sie sich auf den Fenstersims der Bäckerei und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Die Wärme färbt ihre Haut zart rot, während sie genüsslich dem Geschmack auf ihrer Zunge nachschmeckt. Und auf einmal erinnert sie sich an die Nachmittage mit ihrer Großmutter, als sie mit ihr leckere Kuchen gebacken hat, und knusprige Kekse mit bunten Verzierungen. Der Geruch von warmer Butter und Zucker steigt ihr in die Nase, als würde sie wie damals auf dem Stuhl stehen, in der Schüssel rühren und mit Hilfe ihrer Großmama einen Kuchen backen. Es war schon lange her, aber sie erinnerte sich mit einem wohligen Seufzen daran, wie sehr sie diese Nachmittage genossen hatte. Seitdem die Großmutter gestorben war, hatte sie nie wieder gebacken.

Ganz plötzlich bekommt sie den Impuls, im Büro anzurufen. Sie holt ihr Handy aus der Tasche und ruft ihre Kollegin an. „ Ich bin es, ich wollte mich melden. Es ist mir nichts passiert, es geht mir gut.“ Sie hört ein paar Sekunden zu, was ihre Kollegin sagt und antwortet dann: „Tut mir leid, aber heute ist alles anders gekommen. Ich komme heute nicht mehr ins Büro.“ Sie packt das Handy zurück, steht auf, streckt sich und geht in die Bäckerei zurück und sagt zu dem Mann hinter dem Tresen: Hallo, mein Name ist Lisa. Können Sie mir beibringen, wie man diese Teilchen bäckt?

(Meine allererste Kurzgeschichte, geschrieben für die Lesebühne So noch nie am 22. Mai 2017)


Mittwoch, 17. Mai 2017

Mittwoch, 26. April 2017

Die sadistische Seite des Handwerkers

Einfach mal
morgens um halb sieben
den Bohrer ansetzen

Nur solange, bis alle wach sind
und dann den
ganzen Tag nichts
mehr von sich hören lassen.

Sonntag, 23. April 2017

Familienfotos

Ein Foto der Familie
von Weihnachten 1981.
Mit zwei Hunden
und neun Menschen
aus drei Generationen.

Es folgten eine Scheidung
fünf Todesfälle
zwei Hochzeiten,
und drei Geburten.

Das nächste Familienfoto
wurde gemacht nach 36 Jahren
an Ostern 2017
Und es sind wieder
zwei Hunde
und neun Menschen
aus drei Generationen.

Anders, und doch gleich.

Dienstag, 18. April 2017

Der magische Drachen

Ein Drache dreht seine Kreise
am Himmel
Machtvoll
Feuer speiend
Seine riesigen Flügel
leuchten tiefrot
Sein schuppiger Schwanz
durchschneidet die Luft
Er gleitet nach unten
kommt näher
Wird kleiner und kleiner
bis er auf deiner Schulter landet
Niemand außer dir
kann ihn sehen
Niemand außer dir
kann ihn hören
Wie er in dein Ohr flüstert
Flieg mit mir.
Du schließt die Augen
wartest  bis er wieder
größer wird
Dann schwingst du
dich auf ihn
Erhebst dich mit ihm in die Luft
und fliegst einfach


davon


(inspiriert vom Song "Puff the magic dragon")

Mittwoch, 12. April 2017

Im Gleisbett

Im Gleisbett
eine Kuchenform
eine Zahnbürste
und ein rotes Kissen. 
Nur wenige Meter voneinander entfernt.

Ist das urbanes Leben?

Dienstag, 11. April 2017

Sorglos

Auf der Wiese
unter den Linden
wachsen sie
 
die kleinen Baumsprösslinge
gerade mal zwei Blätter
und nicht viel höher als die Wiese.

Sie wachsen verschwenderisch
unzählig
und sorglos

Bis der Rasenmäher kommt.

Montag, 10. April 2017

In der U-Bahn

Die Gummilamelle
in der Mitte des Waggons
quietscht.

Düfte von
Parfum, Schweiß und Haarspray
wabern durch die Luft.

Leere Blicke streifen
an den Köpfen
der anderen vorbei.

Die Handys piepen.
Die Frau neben mir
schielt auf mein Display.
Es ist eng.

Ich träume mich in den Wald.

Freitag, 7. April 2017

Grüne Hunde

Am Waldrand halt ein weißes Auto. Die Türen öffnen sich und zwei kleine Hunde in grünen Plastikmänteln springen heraus.
Sie rennen und toben auf dem Parkplatz herum, während die rothaarige Fahrerin mit einer weissen Plastiksprühflasche den Innenraum ihres Autos putzt.
Nach zehn Minuten werden Putzflasche und die grünen Hunde wieder ins weiße Auto verfrachtet und die Frau verlässt den Parkplatz an Waldrand.

Montag, 27. März 2017

Im Kopf

Ich weiß schon,
was ich machen will,
ich habe es bloß noch nicht
aufgeschrieben,
sprach der Schreibcoach.

Mittwoch, 15. März 2017

Vor der Würstchenbude

Die Ohren gespitzt
Der Blick konzentriert
Das Maul leicht geöffnet
Jederzeit bereit
Jedes Krümelchen
das auf den Boden fällt
sofort zu verschlingen

Es ist nicht immer leicht
Ein Hund zu sein.

Donnerstag, 9. März 2017

Freitag, 3. März 2017

Augenblick

Manchmal
begegnet man einem Mensch
auf der Straße
und für den Bruchteil
einer Sekunde
fühlt man sich
wirklich
gesehen

Freitag, 24. Februar 2017

Das Unmögliche

Wer nicht
an das Unmögliche
glaubt
Sollte mal die kleinen
Steinchen fragen
wie sie es schaffen
beim Gehen
in eng anliegende
hohe Stiefel
zu geraten und
sich dann
unter den Zehen
zu verstecken.

Mittwoch, 8. Februar 2017

Kalenderspruch

Freundschaft ist ein Feuer,
das von beiden Seiten genährt werden muss,
damit die Flamme nicht erlischt.


© Silke Maschinger

Donnerstag, 2. Februar 2017

Hausschuhe

Raus aus der U-Bahn
die Treppe hoch
durch das Schlafzimmer
des Obdachlosen
der sich die Beine vertritt​
in weissen Hotelhausschuhen
aus Frottee

Andere Variante:

Ein dutzend Leute
eilen aus der U-Bahn
die Treppen hoch

In einer Ecke
liegen ein Schlafsack
und ein paar Taschen

Es sieht aus
als würden die Leute durch
ein Schlafzimmer laufen

Während der Obdachlose
in weißen Hotelhausschuhen aus Frottee
sich ein wenig die Füße vertritt

Sonntag, 29. Januar 2017

Nichtumzu

Krisen und Krankheiten
kommen nicht zu uns
um uns etwas zu lehren
was wir sonst nicht lernen könnten

Aber es wäre schon blöd
Wenn wir aus solch schlechten Zeiten
die einfach zum Leben dazugehören
nicht auch etwas Gutes mitnehmen könnten

Mittwoch, 25. Januar 2017

Infiziert

Ideen schwirren im Kopf
hin und her
tragen mich in den Schlaf
durchqueren meine Träume
und tauchen mit mir wieder auf
Sie geben keine Ruhe
bringen das Blut in den Adern
zum Vibrieren
Bis sie irgendwann dann doch in
die Tiefe sacken
sich dort ablagern
und leise tuschelnd darauf warten
wieder aufgemischt zu werden

Freitag, 20. Januar 2017

Mauerkiosk

Genau da
wo früher
Menschen mit Stacheldraht
und Mauer
und Schüssen
abgehalten wurden
frei zu sein
gibt es jetzt
im Mauerkiosk
Cola, Chips und Schokolade.

Donnerstag, 19. Januar 2017

Lustgreis

Du alter Sack!
Hast du wieder
fremde Mädchen belästigt?

Schimpft die alte Dame,
nachdem ihr grauhaariger
Rüde vorsichtig
an unserer Hündin
geschnuppert hatte.

Angezogen

In der Dusche des Schwimmbads
sind alle Frauen komplett nackt
Nur die Reinigungskraft
trägt Turnschuhe, Jeans, Brille, Pullover und Kittel.

Samstag, 7. Januar 2017

Stilvoll trinken

Wenn die grüne Farbe
der Haare
Genau der Farbe
der Bierflasche und der grünen Schuhe
entspricht

Freitag, 6. Januar 2017

Obdach

Seit acht Jahren wohne ich hier
Es gab früher schon kältere Winter
Doch erst vor drei Tagen schliefen sie zum ersten Mal
in der U-Bahn-Station bei mir um die Ecke.
Es waren ungefähr 15 Obdachlose
mit Schlafsack
auf dem kalten Boden.

Gestern waren die auch da.
Aber wo waren sie alle eigentlich vorgestern?